Gärten der Kindheit
Gärten sind prägend für das ganze Leben. Lebenserinnerungen und Autobiografien enthalten regelmäßig Rückblicke auf Gärten und damit verbundene Erlebnisse. Oft im Zusammenhang mit lieben Menschen, an die man im Alter gerne träumend zurückdenkt: Der Garten des Großvaters, der netten Nachbarin, des besten Freundes oder der besten Freundin. Oder es ist der eigene Garten, sei er direkt hinter dem Hause gelegen oder so weit entfernt, dass er nur am Wochenende Ziel der Familie war.Wir möchten an dieser Stelle solche Erinnerungen zugänglich machen. Wenn Sie mit Ihren eigenen Erinnerungen zu beitragen möchten, so freuen wir uns auf Ihren Beitrag, den wir gerne veröffentlichen.
Den Anfang macht ein Gedicht von Rainer Maria Rilke aus dem Jahre 1905/06:
Kindheit
Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit
mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.
O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen ...
Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen
und auf den Plätzen die Fontanen springen
und in den Gärten wird die Welt so weit-.
Und durch das alles gehn im kleinen Kleid,
ganz anders als die andern gehn und gingen-:
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen,
o Einsamkeit.
Und in das alles fern hinauszuschauen:
Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen
und Kinder, welche anders sind und bunt;
und da ein Haus und dann und wann ein Hund
und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen-:
O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen,
o Tiefe ohne Grund.
Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen
in einem Garten, welcher sanft verblaßt,
und manchmal die Erwachsenen zu streifen,
blind und verwildert in des Haschens Hast,
aber am Abend still, mit kleinen steifen
Schritten nachhaus zu gehn, fest angefaßt-:
O immer mehr entweichendes Begreifen,
o Angst, o Last.
Und stundenlang am großen grauen Teiche
mit einem kleinen Segelschiff zu knien;
es zu vergessen, weil noch andre, gleiche
und schönere Segel durch die Ringe ziehn,
und denken müssen an das kleine bleiche
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien-:
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche.
Wohin? Wohin?
Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit
mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.
O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen ...
Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen
und auf den Plätzen die Fontanen springen
und in den Gärten wird die Welt so weit-.
Und durch das alles gehn im kleinen Kleid,
ganz anders als die andern gehn und gingen-:
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen,
o Einsamkeit.
Und in das alles fern hinauszuschauen:
Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen
und Kinder, welche anders sind und bunt;
und da ein Haus und dann und wann ein Hund
und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen-:
O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen,
o Tiefe ohne Grund.
Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen
in einem Garten, welcher sanft verblaßt,
und manchmal die Erwachsenen zu streifen,
blind und verwildert in des Haschens Hast,
aber am Abend still, mit kleinen steifen
Schritten nachhaus zu gehn, fest angefaßt-:
O immer mehr entweichendes Begreifen,
o Angst, o Last.
Und stundenlang am großen grauen Teiche
mit einem kleinen Segelschiff zu knien;
es zu vergessen, weil noch andre, gleiche
und schönere Segel durch die Ringe ziehn,
und denken müssen an das kleine bleiche
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien-:
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche.
Wohin? Wohin?
Justinus Kerner (1786-1862), der schwäbische Dichter, zeichnet in seinem "Bilderbuch aus meiner Knabenzeit" seine Erinnerungen an die Gärten seines Vaters (Oberamtmann in Ludwigsburg) auf und gibt uns damit ein schönes Zeugnis der bürgerlichen Leidenschaft für den Garten:
" Mein Vater war ein großer Freund der Baumzucht. Abends nach des Tages Mühe und Last eilte er meistens in seine Gärten. Ein kleiner Garten war hinter der Oberamtei, in welchem ich auch ein kleines Plätzchen zum Anbau bekam. Ich erinnere mich aber nicht, daß ich es mit Blumen bepflanzte, sondern immer mit Salat. Einen großen Garten als Eigenthum besaß mein Vater eine Viertelstunde vor der Stadt, vor dem Thore, das auf die Solitude führt, in dem sogenannten Lerchenholze. Dahin wanderte ich oft Abends zwischen den herzoglichen Gewächshäusern und dem See hin, und hielt mich da oft, während der Vater vorausging, nach den Orangebäumen und Blüthen durch die Fenster schauend zurück, oder sah ich dem in dem See schwimmenden Geflügel zu.
Der Garten war mit einer großen Mauer umgeben und enthielt Baumschulen und Bienenhäuser. Sobald mein Vater da ankam, legte er Hut und Stock in dem kleinen Gartenhause nieder, zog seinen Rock aus und eilte mit Messer und Säge versehen zu seiner lieben Baumpflanzung. Hier wurde nun alles aufs genaueste in Ordnung gebracht, gebunden und mit großer Strenge beschnitten. Bäume, die im Wachsthum sich krümmen wollten, waren im ein Gäuel, alles mußte aufrecht und in gerader Linie stehen. man sah in diesem Thun und Lassen, in diesen Pflanzungen ganz seine Liebe zur Ordnung und strengen Zucht. Durch Inokulation und Impfung veredelte er die wilden Stämme, die er meistens selbst aus den Kernen zog, und führte über alles Kataloge. Ich habe auch kein üppigeres Obst mehr gesehen, als ich damals sah. Pfirsiche, Kirschen Birnen und Äpfel waren in den seltensten größten Arten vorhanden. Kirschen hatte er vom Mai bis in den September, und nie sah ich die sauern Weichsel mehr in dieser Größe und Vollkommenheit wieder. Es wurden, besonders mit letzteren, an Freunde und an die Tafel des Herzogs öfters Geschenke gemacht.
Man pflegte Kirsche um Kirsche mit etwas abgeschnittenem Stiele, der nach innen gekehrt sein mußte, in einen großen blechernen Trichter zu legen, den man, war er bis zum Rande gefüllt, auf einen mit Weinlaub bedeckten Teller umstürzte, worauf auf dem Teller ein Pyramide von Kirschen stand. Solche Teller wurden dann zur Kirschenzeit in Menge in befreundete Häuser geschickt, denn es waren Sorten, die sonst selten zu finden waren. Auch der schwarze Maulbeer war ein Lieblingsbaum meines Vaters, und vom Gemüsegarten pflegte er besonders die Artischocken und Spargeln..."
Im autobiografischen Roman "Der Rosendoktor", dem 1906 erschienenen Erstlingswerk des Arztes und Schriftstellers Ludwig Finckh (1876-1964), heißt es:
"Was war uns unser Garten! Wiege und Grab, unser Trost und unsere Heimat. Ja, er war unsere Heimat, nicht das alte, finstere Haus, in dem wir wohnten. Zu ihm flüchteten wir uns, wenn wir weinten, zu ihm gingen wir um Rat in schweren Kinderdingen, und er nahm uns wohl und gut an seine Brust. Unser Garten hat mich lächeln gelehrt und mir die erste Sonne eingefange, unser lieber alter Garten hat gerauscht mit seinen Wipfeln, wenn ich zu ihm kam. In seiner Erde sind die Gräblein unserer Hasen, mit den Kreuzen aus Kastanienzweigen darauf. Seine Erde roch kräftig und würzig nach jedem Regen, und die Schmetterlinge flogen niergends lieber als in seinem Duft. Die Blumen wuchsen rascher und farbiger als irgendwo, die Stare sangen und die Regenwürmer krümmten sich, die Birnen wurden süß und schwer, die Rosenäpfel leuchteten wie Blut im Laube. Denn es war der Garten unserer Kindheit. Wir saßen im blühenden Kastanienbaume und lauschten ihm, und wir verstanden,was der Wind zu ihm sagte und was die Sonne zu ihm sagte. Die Raupen krochen leise an den Stengeln, die Bienen flogen um die Lilien und Kaiserkronen, die Sonnenblumen glänzten wie Gold und Kupfer, und die Grillen sangen wie silberne Glocken. Ich lag im Rasen und lauschte, und der Garten nährte und pflegte mich mit Duft und Klang und Farbe..."



